Cervetto

Ein Leben, ein Jahrhundert


Giacobo Basevi detto Cervetto (um 1682-1783)  *)

Cellist und Komponist

Von Edward John Semon


Giacobo Basevi detto Cervetto, ein Italiener jüdischer Abstammung und der "dienstälteste" aller Cellisten, war ein hochgeschätzter Virtuose, Lehrer und Komponist, dessen musikalisches Wirken wesentlich dazu beitrug, dass das Cello in England immer beliebter wurde. Er gehörte zu jenem großen Kreis von italienischen Musikern, Dichtern und Gelehrten, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach London gingen, wo die italienische Oper und Instrumentalmusik eine wichtige Rolle spielten. Als Cervetto in London eintraf, hatten Komponisten wie Händel, Bononcini und Geminiani London bereits zu einem der wichtigsten Zentren europäischer Musik gemacht.

Cervetto ist einer der wenigen jüdischen Komponisten, denen es bereits vor der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert gelang, ihre Isolation zu durchbrechen. Er pflegte nicht nur Verbindungen zu zeitgenössischen Musikern, sondern auch zu bedeutenden Persönlichkeiten aus Adel und Gesellschaft, etwa dem Kurfürsten Karl Theodor von Bayern, einem Amateurcellisten, unter dessen Patronat am kurfürstlichen Hof in Mannheim die spätere Mannheimer Schule entstand.

Der englische Geschichtsschreiber Charles Burney (1726-1814) berichtet, dass im Jahr 1744 Cervetto und zwei andere italienische Cellisten von Rang - Pasqualino de Marzis und Andrea Caporale - im Hickford's Room auftraten, einem der populärsten Londoner Konzertsäle jener Zeit.  Laut Burney verfügten Cervetto und Pasqualino über ein größeres musikalisches Wissen und eine bessere Technik, während Caporale sie an Klangschönheit übertraf. Burneys direkter Vergleich dieser drei Cellisten deutet darauf hin, dass sie jenes Ensemble bildeten - höchstwahrscheinlich das erste Cellotrio der Musikgeschichte -, für welches Cervetto seine sechs Trios für drei Celli komponierte, veröffentlicht im Jahr 1745. Sie wurden im frühen galanten Stil komponiert und sind die ältesten der uns bekannten Kompositionen für drei Celli, wobei die Ausführung des bezifferten Basses ausdrücklich freigestellt war. Sie sind offenkundig  eine Weiterentwicklung der barocken Triosonate und einzigartige Beispiele einer frühen Form des klassischen Streichtrios, bei dem sich allmählich ein dreisätziger Aufbau durchsetzte, oft mündend in ein ausgedehntes Menuett.

Cervetto erfand spontane und elegante melodische Motive, entfaltete sie mit introvertierter Fantasie und erweist sich gerade durch seine Cellotrios als ein Komponst von großer schöpferischer Begabung und Originalität. Seine Musik, die durch ihre Schönheit und Empfindsamkeit besticht, verbindet zwei große Stilepochen und spiegelt den vielfältigen kulturellen Austausch wider, der in der Zeit des Spätbarocks und der Frühklassik in London stattfand.

Cervettos Familie, Nachfahren des Jacob Bassevi von Treuenburg (1570-1634), des ersten geadelten "Hofjuden" der europäischen Geschichte, verließ Böhmen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zog nach Italien. Womöglich ist Cervetto in Mantua **) geboren, doch Näheres über sein Leben in Italien bis zum Zeitpunkt seiner Übersiedelung nach London ist uns nicht bekannt. Wie die meisten Juden seiner Zeit wuchs er wohl im Ghetto auf, das im 18. Jahrhundert noch ein völlig eigenständiger sozialer und kultureller Mikrokosmos war. Zu jener Zeit war einem Musiker jüdischen Glaubens der Zugang zu den Ämtern eines Hofkomponisten oder eines Musikers in einem Hoforchester grundsätzlich versperrt. Nichtsdestoweniger mag Cervetto, der anscheinend aus besseren Kreisen stammte, Cello und Komposition bei Antonio Caldara studiert haben, dem Maestro di Capella des Herzogs von Mantua von 1699 bis 1707. Einige Quellen deuten an, dass Cervetto gelegentlich als Aushilfscellist am herzoglichen Hof arbeitete, aber wie es scheint, verdiente er seinen Lebensunterhalt durch den Handel mit italienischen Instrumenten, den er offenbar auch während seiner ersten Jahre in London weiter betrieb. Doch um sich selbst völlig frei zu entfalten, hätte Cervetto sich an die gehobene europäische Gesellschaft anpassen und auf die äußeren Merkmale des jüdischen Glaubens verzichten müssen. Verständlicherweise kehrte er Italien den Rücken und zog nach England, dem einzigen Land in Europa, das Juden rechtlichen Schutz und ein nahezu  uneingeschränktes Bürgerrecht gewährte.

Bereits im Jahr 1664 war unter König Charles II. der Convential Act erlassen worden, der Juden und anderen "Nonkonformisten" das volle Bürgerrecht zugestand, solange sie "sich ruhig und friedlich verhielten, den Gesetzen des Königs den geschuldeten Gehorsam erwiesen und bei der Regierung seiner Majestät keinen Anstoß erregten". Dass Cervetto unter dem englischen Gesetz in Freiheit leben konnte, war zweifellos für seine weitere musikalische Entwicklung von großer Bedeutung.

Das genaue Datum seiner Ankunft in England lässt sich nicht feststellen. Jedenfalls begann er seine musikalische Laufbahn mit 56 Jahren, als er 1738 Solocellist im Orchester des Drury Lane Theatre wurde, dessen prominentester Schauspieler damals der berühmte David Garrick war. Musik wurde zur damaligen Zeit häufig in Theaterstücken eingesetzt, in Form von Liedern, Chören oder als Hintergrundmusik, und das Orchester begleitete auch die Tänze, Pantomimen und Maskeraden, die einen wichtigen Teil des damaligen Theaterrepertoires darstellten. Von Cervetto weiß man, dass er Solokonzerte gespielt hat, um das Publikum zwischen den Akten zu unterhalten. Wie es bei vielen von Händels Kammermusikwerken der Fall war, so ist es gut möglich, dass auch Cervettos Kammermusik - vielleicht sogar seine sechs Cellotrios - zunächst als Concerti da camera während der Pausen von Schauspielen, Opern, Oratorien oder ähnlichem aufgeführt wurden. Schließlich wurde Cervetto Intendant des Orchesters und blieb bis zum Ende seines langen Lebens dem Drury Lane Theatre verbunden.

Seine Zeitgenossen beschrieben ihn einerseits als einen Exzentriker, der durch sein unkonventionelles Verhalten und seine körperliche Erscheinung Aufmerksamkeit erregte, andererseits als einen Mann von gutem Ruf und Charakter. Am Zeigefinger seiner Bogenhand trug er einen Ring mit einem großen ins Auge fallenden Diamanten, der seinem Spiel sozsagen etwas Funkelndes gab, und es schmückte ihn zudem eine ungewöhnlich große Nase, die ihn in ganz London berühmt machte. Sie trug ihm den Spitznamen Nosey ein und machte ihm zum "Liebling" des Publikums auf den billigen oberen Rängen des Drury Lane Theatre. Abgestempelt als komische Figur wurde er vom übermütigen Volk unter tosendem Gelächter immer wieder aufgefordert: "Spiel auf, Nosey! Spiel uns was, Nosey!"

Wenngleich dieser Spottname für einen Juden eine unverkennbar antisemitische Tendenz erlennen lässt, ist es dennoch schwer zu entscheiden, ob es sich um bösartigen oder gutmütigen Spott gehandelt hat. Wie dem auch sei, Garrick kam Cervetto am 20. Oktober 1753 zu Hilfe, indem er vor einer Theateraufführung folgenden Prolog setzte:

"...in gleichem Unmaß Euer Gelächter sich ergießt
wenn es vom Graben bis zur Galerie hinauf schießt
und all der Ulk war... Was? Eines Fiedlers Nas'
Nur weiter so. Habt Euren Spaß!
Je böser des Abends der Witz gemeint
desto größer seine Nase Euch erscheint"


Dieser Prolog wurde im Gray's Inn Journal am 27. Oktober 1753 abgedruckt, mit folgendem begleitenden Kommentar des bekannten Dramatikers Arthur Murphey:

"Bei der hier gemeinten Person handelt es sich um Herrn Cervetto, der wegen der Größe seiner Nase schon seit längerem von den Zuschauern der oberen Galerie verspottet wird. Da er aber, soweit ich weiß, in keinem seiner geistigen Wesenszüge unproportioniert ist, abgesehen vielleicht von seinen guten Eigenschaften, die in der Tat ungewöhnlich sind, so nehme ich diese Gelegenheit wahr, um zu sagen, dass es grausam ist, ihm bei einem Tun zu verunsichern, in welchem er überragend ist und mit dem er überdies seinen Lebensunterhalt verdienen muss."

Aber der wohlgemeinten Worte dieses Artikels bedurfte es wohl nicht, denn es scheint, dass Cervetto sich durchaus nicht verunsichern ließ und nötigenfalls auch zu verteidigen wusste.

Edmund van der Straeten, ein Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts, berichtet folgende Anekdote:

"Eines Tages warf ein Individuum von der oberen Galerie mit einer Kartoffel nach ihm, die ihn an der Nase traf. Sobald das Stück beendet war, lief Cervetto zur Galerie hinauf, ließ sich den Mann zeigen und verabreichte ihm eine derbe Tracht Prügel. Einige Zeit später, als Cervetto zu Pferde nach Paddington unterwegs war, kam ihm ein Reitertrupp entgegen, der ebendiesen Übeltäter zum Hinrichtungsplatz Tyborn eskorierte. Als der Gefangene Cervetto sah, rief er ihn an: 'Nosey! Nosey!' Cervetto ritt an den Karren heran, auf dem der Verurteilte stand, und sah nun, dass es der Mann war, der mit einer Kartoffel nach ihm geworfen hatte. Dieser sagte nun mit reumütiger Stimme, er wolle versöhnt mit allen Menschen sterben und vergebe Cervetto deshalb die Prügel, die er von ihm bezogen hatte. Dann nahm er von Cervetto Abschied mit den Worten: 'Nosey, Nosey, nun werde ich in Frieden sterben.'"

Schlagfertig war Cervetto aber nicht nur mit den Fäusten, sondern auch mit der Zunge, wie aus van der Straetens weiteren Aufzeichnungen hervorgeht:

"Eines Tages spielte Garrick die Rolle des Sir John Brute. Das Publikum war sehr gefesselt und hielt den Blick unverwandt auf den unvergleichlichen Schauspieler gerichtet. In diesem kritischen Augenblick ertönte aus dem Orchester ein lautes Gähnen des armen Cervetto. Dieses geschah so unerwartet und wirkte zugleich derart komisch, dass gleich darauf das ganze Haus von tosendem Gelächter erfüllt war. Garrick war tief beleidigt und ließ den Musiker zu sich kommen. Dieser aber vermochte den Zorn des Helden zu besänftigen, als er mit einem Schulterzucken sagte: 'Ich bitte zehntausendmal um Verzeihung, Mr. Garrick, aber so geht es mir immer, wenn ich völlig hingerissen bin.'"

Cervetto war ein hochangesehener Cello-Lehrer. Zu seinen bedeutendsten Schülern zählten sein natürlicher Sohn James Cervetto (1747-1837) und ein Cellist namens Nochez. Soviel man weiß, war James Cervettos einziges Kind. Gezeugt im Alter von 65 Jahren und vom Vater allein aufgezogen, war der Sohn offensichtlich ein Wunderkind, welches später seinen Vater sowohl an technischem Können als auch im Ton übertraf, um einer der glänzendsten Cellisten seiner Zeit zu werden.

Dies bestätigt auch eine weitere Anekdote, die zudem interessante Einblicke in die Aufführungspraxis der damaligen Zeit gibt:

"Der Prinz [George IV.] sollte während dieser Saison einem Konzert des neuen Orchesters als Schirmherr beiwohnen, wobei neben verschiedenen anderen attraktiven Werken, Crosdill  [1755-1825] und Cervetto ein Cello-Duo aufzuführen gedachten. Die Cervettos [Vater und Sohn] waren die bisher führenden Musiker gewesen, aber Crosdill, der als Einheimischer von gleichem Talent hinzukam und zudem den Thronfolger unterrichtete, nahm sich mehr als die Hälfte des Batzens. Zu der Zeit, von der ich berichte, wurde kaum mehr als die Melodie eines Stückes aufgeschrieben, sodass die Musiker ihre eigenen Verzierungen anbringen und ganze Passagen nach ihrem Geschmack verändern konnten. Einmal, als Crosdill und der jüngere Cervetto ein Duo aufführen sollten, hatten sie vereinbart, dass in den Sätzen abwechselnd der eine und dann wieder der andere die führende Stimme spielen sollte. Nun geschah es unglücklicherweise, dass Cervetto an einer Stelle, als er das Spiel Crosdills begleiten sollte, im Eifer des Gefechts eine eigene Variation einführte. Crosdill war schon im Begriff aufzuspringen, aber Cervetto entschuldigte sich unverzüglich, und so spielten sie das Stück zu Ende... Dieses Konzert fand, wie gewöhnlich, im King's Theatre statt, wobei das Orchester auf der Bühne saß. Wir wohnten der Aufführung zusammen mit den Eheleuten Zoffany und Bach bei." (Aus: Leben am Hof und in der Familie in der Zeit der Königin Charlotte. Aus den Tagebüchern der Mrs. Papendieck, der Zweiten Kleiderbewahrerin und Vorleserin Ihrer Majestät, 1887)

Doch zurück zum Vater: Einige Jahre nach James' Geburt schrieb Giacobo einen Zyklus von insgesamt zwölf Cellosonaten, die er Karl-Theodor von Bayern widmete. Außer den Cellotrios komponierte er noch eine größere Anzahl von Triosonaten, Sonaten für Flöte und, neben vielen weiteren Kompositionen, auch sechs Divertimenti für zwei Celli. Cervettos letzte Arbeiten wurden um 1760 veröffentlicht, womit zwanzig Jahre kompositorischen Schaffens ihren Abschluss fanden. Bei seinem Tod hinterließ er seinem Sohn James ein großes Vermögen von 20.000 Pfund Sterling, und wenngleich nichts Näheres über die Quelle seines Reichtums bekannt ist, darf angenommen werden, dass er dieses Vermögen vornehmlich durch seinen gutbezahlten Unterricht erwarb oder dass es zum Teil wohl noch aus seinen früheren Handelsgeschäften stammte.

Bis zum Ende seines Lebens wirkte Cervetto als Lehrer und ausübender Künstler. Die Presse berichtete, dass er noch mit 98 Jahren wie in jedem Sommer in Vauxhall Gardens, dem Londoner Vergnügungspark, auftrat, und dass sein Spiel so gut war wie eh und je, "da er von sehr schlanker Figur war, mäßig in seinen Lebensgewohnheiten und von sehr heiterem Gemüt".

Cervetto, dessen Leben mehr als ein Jahrhundert währte, erlebte den Höhepunkt des Barocks und die Anfänge der klassischen Epoche. Er starb am 14. Januar 1783 in Friburgs Schnupftabakladen am Haymarket in London. In seinem Testament hatte er bestimmt, dass er nach dem Ritus der Kirche von England bestattet werden wollte.

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Anmerkungen:
*) Neueste genealogische Untersuchungen schätzen Cervettos Geburtsjahr auf 1690. 
**) Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ist Cervettos Geburtsort aller Wahrscheinlichkeit nach Verona.